Mittwoch, 15. März 2017

Nähblogger oder Fashionblogger

Neulich auf der Jeanswerkstatt wurden wir (die Damen in meiner Gruppe & ich - nachzulesen HIER) doch prompt gefragt ob wir Fashionblogger sein.
Nun, Nein ich bin kein Fashionblogger. Keine der anwesenden Damen ist eine Fashionbloggerin. Und das ist auch gut so. Es gibt da nämlich mehrere bemerkenswerte Unterschiede.

Der Mensch

Googelt man Fashionblog, dann trifft frau in der Regel auf Blogs von jungen Frauen. Höchstalter wohl maximal 30 Jahre. Meist leben sie in einer Stadt. Sie sind ausnahmslos schlank und sehen ziemlich gut aus.
Nähblogger sind zwischen 20 und pffff... das ist oben offen. Ich hätte die Grenze jetzt so bei 70 gesehen. Sehr häufig findet man Mütter, die zunächst mal für die Kinder genäht haben und erst später begonnen haben für sich selber zu nähen.
Sie nähen, weil sie sie ihren 3-Jährigen nicht in ein Totenkopf-Shirt stecken wollten, oder weil die Tochter so schnell gewachsen ist, dass diverse Modeketten in ihrer Größe nur mehr bauchfrei und supereng anbieten.
Nähblogger entdecken im Nähen ihre Kreativität und nicht selten einen eigenen Stil. Sie sind zweifelsfrei nicht so schillernd und glamourös, aber ihre persönliche Entwicklung zu beobachten kann sehr inspirierend wirken.

Viele Nähblogger nähen anfangs für ihre Kinder.

Die "Mode"

Auf einem Fashionblog werden aktuelle Trends gezeigt. Manchmal auch mit eigenem, kreativen Stil, meist allerdings ist das Gezeigte ziemlich Mainstream. Die Blogger bekommen die Stücke zur Verfügung gestellt und erfüllen somit eine Multiplikator-Rolle für die Modekonzerne. Sie machen Werbung. Die Individualität liegt meist in der Art der Präsentation oder auch in der Auswahl der gezeigten Stücke.
Fashionblogger können enorm Einfluss nehmen auf den Markt. Große Fashionblogs haben Millionen junger Leserinnen und werden auch zu Modeschauen eingeladen.

Ein Nähblogger zeigt auch Mode. Es fühlt sich allerdings mehr wie die Präsentation von Kleidung an. Zudem wurden alle Stücke, die gezeigt werden selber genäht. Das ist ein Unterschied, der vielerlei Konsequenzen hat.
Nur ein überschaubarer Teil der Nähbloggeria hat Schneidern richtig gelernt hat, die meisten haben 
sich ihr mitunter beträchtliches Wissen selber erarbeitet. Das Internet ist eine ausgiebige Quelle an How To - Videos und Schritt für Schritt Tutorials. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber man kann Nähen - bis zu einem gewissen Grad - im Netz lernen. Ich habe es selber erlebt.

Der Rock ist ja simpel, ich weiß, aber ich habe Jahre gebraucht, den richtigen Stoff zu finden.
Jetzt ist er so, wie ich es wollte!

Das Wissen

Nähblogger suchen Stoffe, suchen Schnitte. Sie probieren Stoffe verschiedener Qualitäten, verschiedener Muster an unterschiedlichen Schnitten aus. Nähblogger kennen den langen, mühsamen Weg bis zu einem fertigen Kleidungsstück.
Sie schneiden zu und nähen. Sie trennen auf und quälen sich durch eigenartige Nähanleitungen. Sie investieren viel Zeit in jedes einzelne Kleidungsstück. Sie wissen vom Einsprung, vom Farbverlust bei bedruckten Stoffen und was passiert, wenn man nicht im Fadenverlauf zuschneidet.
Sie kennen das Gefühl, wenn ein Stück daneben gegangen ist. Und sie kennen das Gefühl, wenn etwas fertig ist, gut aussieht und auch noch perfekt sitzt.

Im Unterschied zu einem Fashionblog, steht selten der Blogger selber im Vordergrund. Es geht um das präsentierte Werk, um all die Arbeit, die Sorgen und ab und zu um den Triumph!

Der Wert

Und genau deswegen, weil Nähblogger wissen, wieviel Arbeit in einem einzelnen Kleidungsstück stecken kann, genau deswegen, ist ihnen der Wert eines Teiles so deutlich bewußt. Als Nähblogger greift man sich bei 5€ Shirts und 15€ Jeans an den Kopf.
Dass Preis und Wert nicht mehr Hand in Hand laufen in unserem Modesystem, dass da was schief läuft, offensichtlich nicht mehr stimmt, grundsolide krank ist am System, dass springt einen Nähblogger geradezu schmerzhaft an.
Diejenigen, die schon mal auf einem Weihnachtsmarkt selbstgenähte Shirts oder Mützen verkauft haben, berichten ausnahmslos geschockt von der Ignoranz der Menschen/Kunden, die es für frivol halten, wenn man seine Arbeit bezahlt haben möchte.

Wohl auch deswegen haben sich vor nun fast 1,5 Jahren viele Nähbloggerinnen zusammengetan um gegen die Verhältnisse in der Produktion der Bekleidungsindustrie zu demonstrieren.

Hier nochmal für alle, die ihn noch nicht kennen:
Der Protestkatalog der Nähbloggerinnen - blättert ruhig durch. Es lohnt sich!



Die Community

Nähblogger folgen einander. Frau kennt sich. Manchmal so gar analog. Digital ist es eine untereinander vernetzte Community, die sich austauscht und inspiriert. Manchmal mehr, manchmal weniger. Natürlich gibt es "externe" Follower. Die lesen und genießen mit. Grundsätzlich ist es eine - im Vergleich - überschaubare Community. Es dreht sich ums Nähen, um Stoff, manchmal um die Kinder oder um das Fotografieren.

Fashionblogger untereinander sind wohl mehr Konkurrenten als Freunde. Sie stehen eindeutig im Wettkampf um die Aufmerksamkeit der Follower und auch der Modekonzerne. Die vielen Tausend Follower kennen einander wohl nur in Ausnahmefällen. Fashionblogger sind die Stars ihrer Follower.  Es gibt Shopping Tipps, Gewinnspiele und jede Menge toller Fotos von all den Dingen, die ein Fashionblogger so hat/braucht.
(Gute Güte, ich habe mich heute da bei ein paar Blogs durchgeklickt, die laut Harpers Bazar superduperwichtig sind und ich fasse es kurz in einem Wort zusammen:
selbstwertgefühlvernichtend.
Durch und durch! BAD! ;)

So, das musste ich kurz klarstellen.  War mir ein Anliegen. 

Ich bin ja viel, Mutter, Ehefrau, Online Marketing Freak, Nähtüftlerin, Kreative, Aquarellentdeckerin, SacheninTextVerpackerin, wirklichgernEsserin, FotoapparatAutomatikAusschalterin und vieles vieles mehr.

Aber Fashionbloggerin bin ich keine.
Nie gewesen.
Wär' mir zu fad!



If you look with open eyes - you can see it.


20 Kommentare

  1. Sich als Fashionblogger zu bezeichenen, wäre mir nicht mal im traum eingefallen.
    Lg kristina

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  2. Hm, seit ich wieder so wirklich Nähe, gucke ich mir auch keine Modejournale mehr an. Sieht irgendwie alles gleich aus. Und nö, passt nicht zu mir.
    Gefallen mir sehr, deine Gedanken, Texte.
    Danke
    Herzlichst
    yase

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  3. so recht hast du - die Fashion-Blogs sind eher was für die wildgewordene Herde junger Mädels, die jedem Billig-Trend hinterher hasten .....
    hier gucke ich gerne, auch wenn ich leider (noch) eine nähtechnische Niete bin :)
    liebe Grüße
    Manu

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  4. Das musste doch mal gesagt werden! Überhaupt kann ich mich manchmal über die Wahrnehmung von Bloggerinnen ärgern, über die in dem Falle geringe Wertschätzung ihres Beitrages zur "Weiterbildung"...
    Süß schaut ihr zwei aus auf den beiden Fotos!
    😘
    Astrid

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  5. ein blog mit 'reklame,publizität'..hat keinen sinn, wir werden damit schon jeden tag überhäuft und gehen darin bald unter...für mich ist ein blog ein fenster ins wahre leben.. bin mit allem hier einverstanden ! lg

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  6. danke, dass du das so deutlich formuliert hast. ich bin zwar nie in versuchung geraten mich als fashionbloggerin (hä? ich? fashion? HÄ?!), aber gut: ich nähe. ich blogge. und ich genieße den austausch mit euch. genau das war unter anderem mein antrieb fürs bloggen. mehr will ich gar nicht! und ich finde es suuuuper!
    bussi, kathrin

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  7. da muss ich dir und den vorschreiberinnen zustimmen: fashion - nee *kopfschüttel* war ich noch nie und werds wohl auch nie. aber nähen - JA - das macht spaß, auch wenn mal was daneben geht, auch wenn ich fluchend da sitze und das teil am liebsten in die ecke schmeißen würde. wenn es dann fertig ist, dann bin ich stolz auf mich - und das kann mir kein gekauftes stück ersetzten.
    tolle fotos von euch beiden!
    liebe grüße
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  8. Ok. Ich hätte Euch auch nicht als Fashionblogger gesehen eher fescge Blogger...Seit ich mehr nähe, kaufe ich seltener Kleidung und bin kritischer sei es Herdtellung, Preis, Qualität. Ich schätze mehr wert. Stelle auch fest, dass das so Stufen sind: 1. Viel nähen oft bunt 2. Gezielter nähen 3. Kritisch, was steht mir und schmeichelt mir 4. Nachhaltigkeit - was brauch ich wirklich und wie reduziere ich. Finde das sehr interessant. Von Masse zu anspruchsvoller. Ich lese gern und bin mit 43 auch eher dran interessiert, mir zu gefallen als anderen. Alles hat seine Zeit. Musste auch in jungen Jahren vuel für wenig Geld haben. Hach, H&M ein Palast damals als sie sich in Deutschland verbreiteten. Lang ist es her. Ich mag wie Du schreibst und es auf den Punkt bringst. Viele Grüsse

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  9. Jawollja.
    Danke für diese Worte, ich habe es schon öfters gedacht, schön, dass du es so gut aufschreibst. Danke.

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  10. Haha... das war eine Woge der Entrüstung, die da durch unsere Gruppe ging... "Fashionbogger wir doch nicht!" ... das hat sich irgendwie beleidigend angefühlt. Du hast dieses difuse Gefühl und dich wieder mal super in GefühlInTextVerpackerin erwiesen!
    Love it!
    Love You!
    Birgit

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  11. :-D - gut, danke - nun weiß ich zum Glück auch, was ein Fashionblogger ist - igitt! Herrlich - danke!!!
    LG Claudia

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  12. Wunderbare Gedanken. Hab ich gern gelesen!

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  13. Es war mir wie immer eine Freude deinen Beitrag zu lesen. Deine Klarstellung zwischen Sewingblogger und Fashionblogger liest sich einfach herrlich und natürlich hast du ja sowas von recht!! GlG Janine

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  14. Ja ja ja. Alles da stimmt so, genau so! Letztens landete ich auf einem Fashionblog - brrr. Das war mir alles ein bisschen oberflächlich und konsumgeil. Nein, danke. Da bleib ich gern und voller Inbrunst Näh- (und sonstige Handarbeits-)Bloggerin und treffe so liebe Leute wie Dich, und Birigit, und Jafi, und Kathrin, und Claudia, und Claudia, und und und. Liebste Grüße, Gabi
    PS: Du, wann darf ich denn auch einmal teilnehmen an einem Katalog, hm? Schon was in Planung?

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  15. Wieder mal sehr gut gesprochen, du bringst es auf den Punkt!
    Lg, Anke

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  16. Naja das Alter von Nähbloggerinen fängt heute auch schon mit früher als 20 an, ich bin jetzt 18, blogge schon ein paar Jahre und habe auch viele andere junge Blogger kennen gelernt. Seit einen halben Jahr mache ich nun eine Ausbildung zur maßschneiderin und Modedesignerin. Ich denke das bewusst werden über die Kleidung kommt auch immer mehr bei Jungen Menschen. Aber längst nicht bei allen.
    Liebe grüße Maira

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  17. Ich mag deine posts, sie bringen einfach immer das Thema auf den Punkt. Und das auch noch mit einer gehörigen Portion Humor!
    Bleib bitte so, ein bissl kauzig, ein bissl sarkastisch und sehr wienerisch.
    Alles Liebe Babsy

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    1. Kauzig, sarkastisch, wienerisch .. hm

      ;-)

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  18. Yep! Das musste echt mal gesagt werden.
    Ich war echt ein wenig irritiert, als unser Leiblingsexperte dich so suchend angeblickt hat bei: Nein, wir sind keine Fashionblogger.

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  19. Hmmmm. 🤔Was bin ich ❓ auf jeden Fall hab ich nichts mit Fashion zu tun.... und ehrlich gesagt bin ich genervt von diesen Seiten mit Damen höchst alter 30 es gibt eben auch uns über 30.....
    Ich bin eine Bloggerin die über meine selbstgenähten Teile genauso wie über Deco und sonstiges schreibt und das mit sehr viel Liebe würd ich jetzt mal sagen....
    Ich bin auch eine von denen die mal mit Tilda angefangen haben um dann irgendwann mal den eigenen Rock zu probieren, quasi kann ich das eine kann ich auch das andere, und mittlerweile poste ich mit stolz auch meine eigene genähte Mode und Co.
    Bei einem T-Shirt für 5€ muss ich mir allerdings auch an den Kopf fassen das ist richtig, denn meine Stoffe und die Zeit die ich in die genähten Teile investiere ist weit aus höherer.
    Danke für diese tolle Post
    Liebe Grüße Patrizia 💕👏🏻👏🏻

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