Montag, 19. Mai 2014

Aus dem Leben - Vom Essen

Essen ist Verkauf. Klingt komisch, ist es auch.

Will man in ein Kind eine Mahlzeit reinbekommen, die es zuvor noch nie gesehen hat (bitte im Hintergrund die Raumschiff Enterprise Melodie), so verfährt man am Besten wie ein abgekochtes Verkäuferschlitzohr. („Steht ihnen hervorragend, dieses fröhliche, figurschmeichelnde Neon-Orange“)

Es gibt da dann mehrere Varianten, die allesamt immer bis zum letzten Moment die totale Spannung garantieren. Denn am Ende entscheidet immer der kindliche Gaumen. Egal wieviel Mühe man sich vorher gemacht hat, sagt der Gaumen „Bäh“, war es, kurz gesagt, alles umsonst.

Aber.
Ja, es gibt ein aber.
Man kann die Psyche des Gaumens beeinflussen. Das ist ein bißchen wie mit Placebo - Tabletten. Glaubt der Gaumen, dass es ihm schmeckt und zwar BEVOR er es überhaupt gekostet hat, dann folgt in statistisch signifikanter Häufigkeit kein „Bäh“ mehr.

So kann man mit dem Zielkind gemeinsam kochen.  Bei kleineren Gerichten kann das durchaus von Erfolg gekrönt sein und am Ende verkauft man an den Co-Koch. Muss man allerdings stundenlang rühren und schneiden, nimmt die Ausstiegswahrscheinlichkeit des zu überzeugenden Kandidaten enorm zu, was, man braucht ja nicht weit zu denken, verkaufstechnisch der erste Schritt zum Desaster ist.
Mitkochen daher also nur bei kleinen, schnellen Gerichten. Mit möglichst ansprechenden Zutaten, die man womöglich auch roh schon vorab testen kann.

Man  kann die Sache auch fies und untergriffig angehen. In diesem Szenario müssen die Kinder etwas anderes Essen, als die Eltern. Würstel oder so. Die Eltern-Mahlzeit bleibt geheimnisvoll: „Das ist noch nichts für dich!“ „Dafür bist du noch zu klein!“ „Du kannst das mal probieren wenn du größer bist!“ „Das schmeckt dir ganz sicher nicht. Nur Mama und Papa!“
Kombiniert mit großer Vorfreude auf das Essen bei den Eltern (Geht natürlich nur, wenn es einem auch wirklich schmeckt. Kinder sind ja nicht doof!). Also jede Menge rollende Augen, Schmatzgeräusche, Ohs und Ahs und was halt noch so dazugehört - zum genussvollen Erwachsenen.
Die Mahlzeit der Eltern ist worüber geredet wird. Man schauspielert und gibt alles und genießt dabei enthemmt.
Ist man gut, wird einem der Teller unter der Hand leergegessen.
Ein Verkäuferschicksal. Es sind ja eh noch die Würstel da!

Mein persönlicher Verkaufsliebling ist das All-in-One. Eine Kombination von Spiel, Neugier und einem eigenartigen Namen.
Dazu gehört unser Stibitz Fleisch - in Speck gewickelter Schweinslungenbraten. Die Kinder wollten’s nicht essen. So entstand die Regel/das Spiel: Die Kinder bekommen schlicht gar kein Fleisch auf ihren Teller, nur die Eltern.
Diese wiederrum schneiden dieses auf ihrem Teller beiläufig in kleine Stücke und werden dann immer und immer wieder abgelenkt.
„Hast du den Adler gerade gesehen?“
„Ein ADLER???“
„Ja, Mama! Da schau! Da war er schon wieder!“
Und Schwupps!
Das läuft sogar so gut, dass wir die Selbstschutzregel eingeführt haben, dass nur bei einem Elternteil stibitzt werden darf. Es ist im Alltag doch von Nöten, dass zumindest ein Erwachsener satt vom Tisch aufsteht.
Soll heißen das funktioniert so gut, man hat den Eindruck das Fleisch beamt sich förmlich vom Teller.
Verkauft!
An die zwei Hamsterbacken an unserem Tisch!
Mahlzeit!




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Anmerkungen:
stibitzen - geht im Wienerisch Wörterbuch unter: eine Kleinigkeit entwenden :-))

Die Autorin ist für weiter angewandte Verkaufsstrategien dankbar. Bitte eine möglichst detaillierte Anleitung im Kommentar zu hinterlassen.
:-)


8 Kommentare

  1. StiebitzFleisch finde ich sehr witzig! Ich habe gerne mit der Nahrungsmittelverknappung "gearbeitet": "Nee, Kinder, DAS schmeckt sooo gut, dass esse ich dich lieber alleine!" Die Schwierigkeit besteht aber darin, das totale Pokerface aufzusetzen und ernst zu bleiben. Und tatsächlich alles alleine aufessen. Das hilft ;-))
    LG,
    Kathrin

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  2. Tja, leider hat bei uns gar nichts gefruchtet!!!
    Wir haben einfach 2 miserable Esser, die nur Nudeln, Reis oder Kartoffeln pur essen.
    Wir habe auch schon alles ausprobiert!! Aber nichts hat funktioniert!
    Wobei in der Schule und im Kindergarten wird alles gegessen, und dann erzählt, wie lecker es doch da ist!! Soviel zu Fertigfutter.... Hier wird halt alles, wirklich alles, frisch gekocht!
    Aber ich denke, bzw. hoffe, wenn wir ihnen vorleben, was richtiges/ gesundes Essen ist, dann werden sie es vielleicht irgendwann übernehmen. Denn zuviel aufheben ums Essen wollen wir auch nicht machen, das ist sowieso immer schon allzusehr ein Thema!!!
    LG Kristina

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  3. ...dann gibts heute aber nix Süßes... wirkt meistens. ;-)
    Und ich koch fast ausschließlich Sachen, die den Kindern schmecken.
    Fleisch geht sowieso immer!

    GLG, Claudia

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  4. Heute, hab ich mich wieder mal so richtig abgehaut!!!
    Natürlich hab ich pädagogischwertvoll all deine Tricks auf Lager.... aber Claudias Süßigkeitenentzugsdrohung kommt auch hier ab und zu ;-) ans Tageslicht.
    Auch wenn ich bestreiten muss nur Sachen zu kochen die das Kind mag. IMMER Ketchup, wankelmütig Obst, immer Fleich und nie Obst haält mein Gaumen einfach nicht aus!

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  5. hahaha du bist echt der knaller!
    glg andrea

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  6. Beim Fräulein habe ich schon alles Probiert, da funktioniert nur, im KiGa essen. Da ißt sie Sachen, die würde sie zu Hause nie und nimmer essen. Ansonsten eventuell noch, dass ihre Freundin ebenfalls am Tisch sitzt, die ißt nämlich alles. Was der Bruder hingegen ißt, ist ihr wiederum völlig egal. Der darf nur bloß nichts von ihrem Teller klauen, was sie noch essen will. Der ist nämlich im Gegensatz zu ihr ein Fresserle und hollt sich den Teller von ihr zu sich, so schnell kann man den nicht retten, selbst wenn seiner noch voll ist.
    Kann ja nur besser werden ;)
    lg dodo

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  7. Stibitzfleisch ist super! Was auch immer funktioniert ist die Tante Jolesch (schreibt man die so?!) -Methode. Die Essensmenge ist einfach überschaubar und schon macht der Futterneid den Rest. ;-)
    lg
    Anja
    P.s. habe mich wieder köstlich amüsiert beim Lesen. Also ich würde ein Buch von dir kaufen! :-)

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  8. Schmunzellektüre, wie immer. ;-)
    Ja, bei uns funktioniert das Essen-von-den-Großen-Stehlen auch sehr gut. Aber ich habe zwei ganz ausgesprochen experimentierfreudige Esser hier. Alles Liebe, Katharina

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